春晓 – die Schönheit der kleinen Dinge

Irgendwann um das Jahr 700 n.Chr. herum, wachte eines Frühlingsmorgens der Tang-Poet Meng Haoran in seinem Bett auf. Er hatte tief und fest geschlafen und bemerkte, noch schlaftrunken, dass der Tag schon angebrochen war; er hörte lauten Vogelgesang. Da fiel ihm plötzlich ein, dass es in der Nacht geregnet und gestürmt hatte, und er musste an seinen Garten denken. Er fragte sich besorgt, ob wohl viele der Frühlingsblüten von den Bäumen abgefallen waren.

So oder so ähnlich war wohl die Begebenheit, die der Dichter für würdig befand, sie in einem Gedicht festzuhalten. Dieses Gedicht gilt heute als eines der bekanntesten Tang-Gedichte. Es hat einen festen Platz im chinesischen kollektiven Bewusstsein, jeder chinesischsprachige Mensch, vom Kind bis zum Greis, kennt es.

Wie kann die Beschreibung einer so unbedeutenden Begebenheit zu solchem Ruhme kommen? Es ist gerade die Flüchtigkeit des Augenblicks, die das Herz des Lesers heute wie damals anrührt. Die Achtsamkeit für die kleinen Dinge, ja gerade, dass Meng Haoran diesen kurzen Moment als eines Gedichtes würdig erachtete, machen es so über die Maßen liebenswert.

In vier Zeilen mit je fünf Zeichen beschreibt er zunächst die Vorgeschichte: das Erwachen, die Vögel, die Erinnerung an den Sturm, und in der letzten Zeile dann kommt seine Besorgnis über die Blüten zum Ausdruck. Die Zeichen, die er dafür wählte, sind wunderschön in der Zusammenstellung, jedes für sich perfekt platziert.

Es gibt unzählige Versuche, dieses Gedicht, und Dichtung generell, ins Deutsche oder Englische zu übertragen. Ich habe noch keines gefunden, das mir wirklich zusagt. Die chinesische Sprache basiert auf einem Denken in Konzepten, nicht in einzelnen Worten. So funktionieren im Chinesischen auch Sätze ohne klar definiertes Subjekt, ohne Tempus, vieles bleibt offen. Genau diese Leere, das Nicht-Gesagte lassen Raum für eigene Assoziationen. Hier liegt – meines Erachtens – einer der vielen Gründe für die Zeitlosigkeit der zwanzig Zeichen über das Frühlingserwachen.

春晓
春眠不觉晓
处处闻啼鸟
夜里风雨声
花落知多少

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